Die Karamojong in Uganda – Begegnungen in Karamoja
Die Karamojong in Uganda – unterwegs im Nordosten der Perle Afrikas
Text & Fotos: Radmila Dier
Für den Bildband „Perle Afrikas“ war ich in Uganda unterwegs. Eine der eindrucksvollsten Stationen dieser Reise führte mich in den Nordosten des Landes, in die geheimnisvolle Region Karamoja – Heimat der Karamojong, eines Hirtenvolkes mit faszinierender Kultur, starken Traditionen und einer Lebensweise, die sich in vielem grundlegend von unserer unterscheidet.
Zwischen Moroto, Marktleben, Kraals und persönlichen Begegnungen entstand ein intensiver Einblick in eine Kultur, die weit über das hinausgeht, was man als Besucher auf den ersten Blick erkennt.
Wer sind die Karamojong?
Uganda ist ein Land mit vielen sehr unterschiedlichen Ethnien, Sprachen und Lebensformen. Im Nordosten des Landes, in der ehemaligen Provinz Karamoja, lebt das Volk der Karamojong – oder auch Karimojong. Dahinter verbirgt sich wiederum keine homogene Gemeinschaft, sondern ein komplexes Geflecht mehrerer Gruppen, Clans und Traditionen.
Die Karamojong sind traditionell ein Hirtenvolk. Früher lebten sie nomadisch, heute eher halbnomadisch. Noch immer spielt Vieh eine zentrale Rolle in ihrem Leben. Reichtum wird nicht primär in Geld gemessen, sondern in der Größe einer Herde. Kühe und Ziegen sind Besitz, Statussymbol, Absicherung und soziale Währung zugleich.
Wenn Reichtum in Kühen gemessen wird
Diese Bedeutung des Viehs zeigt sich in nahezu allen Lebensbereichen. Auch bei der Heirat.
Junge Männer verhandeln mit dem künftigen Schwiegervater über den Brautpreis. Je nach Status und Familie sind 70 bis 100 Kühe keine Seltenheit. Dabei geht es nicht nur um die Ehefrau selbst, sondern auch um gesellschaftliche Anerkennung: Wer bezahlt hat, gilt als erwachsenes, vollwertiges Mitglied seines Clans und kann an Entscheidungen mitwirken.
Gleichzeitig erhält auch die Frau durch diese Verbindung einen klar definierten Platz im Clan des Mannes. Rechte, Schutz, Versorgung und Erbansprüche sind eng an diese traditionelle Ordnung gebunden. Was von außen schnell fremd wirken mag, folgt innerhalb der Gemeinschaft einer klaren sozialen Logik.
Eine Region mit schwieriger Vergangenheit
Karamoja war über viele Jahre eine unruhige Region. Viehdiebstahl gehörte lange zum Alltag und war nicht nur wirtschaftlich motiviert, sondern auch Ausdruck von Macht und Rivalität zwischen Clans. Sogenannte Cattle Rustlers raubten Herden, oft unter Anwendung von Gewalt.
In den 1970er Jahren verschärfte sich die Lage massiv, als Waffen aus den Beständen des Diktators Idi Amin in Umlauf kamen. Der Kampf um Vieh wurde brutaler und blutiger. Erst 2006 gelang es dem ugandischen Staat, die Region mit militärischer Präsenz und Entwaffnungsmaßnahmen allmählich zu stabilisieren.
Mittlerweile gibt es viele Zusammenschlüsse der Hirten und ihrer Herden. Dies ermöglicht nicht nur eine bessere Organisation, sondern auch größere Sicherheit. Kleine, über das Land verstreute Militärbasen sorgen für die nötige Sicherheit der Herden und der Bevölkerung.
Diese eher düster anmutende Vergangenheit bedeutet allerdings nicht, dass das Volk insgesamt gewalttätig oder Fremden gegenüber verschlossen ist. Im Gegenteil: Im September 2018 empfingen sie mich mit offenen Armen, Gesang und einer gehörigen Portion Neugier. Mindestens genauso gespannt war ich, die faszinierende Kultur der Karamojong kennenzulernen.
Auf dem Weg nach Moroto
Einer meiner Wege führte mich nach Moroto, der gleichnamigen Distriktstadt. Schon die Fahrt dorthin zeigte, wie weitläufig und eigen die Landschaft dieser Region ist. Bis Nakapiripirit geht es über die typischen Schotterpisten, danach auf einer ausgebauten Straße weiter Richtung Moroto. Das war vor ein paar Jahren noch nicht so. Erst 2013 hat die Regierung eine chinesische Straßenbaufirma mit dem Ausbau der Straße von Nakapiripirit nach Moroto beauftragt. Heute ist etwas mehr als die Hälfte der rund 100 Kilometer langen Strecke ausgebaut (Stand: 9/2018).
Moroto selbst ist eine Kleinstadt mit rund 15.000 Einwohnern – so genau weiß man es nicht, da die Zahl der teils nomadisierenden Bevölkerung schwankt. Man findet dort Unterkünfte, Märkte und die Dinge des täglichen Bedarfs. Wirklich spannend wird es jedoch in den umliegenden Dörfern, in den Kraals und in den Begegnungen mit den Menschen vor Ort.




Ziegenhaut, Schmuck und ein offenes Lächeln – Begegnung mit einer jungen Karamojong in Karamoja.
Leben im Kraal – Lehmhütte trifft Smartphone
Die Familien der Karamojong leben in sogenannten Kraals – kreisförmig angelegten Siedlungen, die von Zäunen aus dornigen Ästen umgeben sind. Innerhalb dieser Einfriedungen ist der Raum klar gegliedert. Es gibt mehrere Lehmhütten, Vorratshütten auf Stelzen und einen Platz für Begegnungen, Gespräche und Entscheidungen.
Die Familienstruktur ist patriarchalisch. Gleichzeitig tragen die Frauen einen enormen Teil des Alltags: Sie kümmern sich um Kinder, Essen, Wasser, Felder und bauen sogar die Hütten. Polygamie ist weit verbreitet; mehrere Frauen und viele Kinder in einem Kraal sind nichts Ungewöhnliches. Fünf bis zehn Kinder pro Frau sind keine Seltenheit. Auch Kinder gelten als Reichtum.
Auffällig ist die Selbstverständlichkeit, mit der hier Tradition und Gegenwart nebeneinander bestehen: Lehmhütten und Vorratsspeicher, aber auf manchen Dächern auch kleine Solarpaneele. Damit werden Smartphones geladen – Geräte, mit denen man Airtime kauft, Rechnungen bezahlt oder Geld verschickt.
Das Getreide für den täglichen Bedarf wird auf den umliegenden Feldern angebaut, ein Teil wird verkauft, ein Teil dient dem Eigenbedarf.
Strom und fliessendes Wasser gibt es nicht, das allermeiste geschieht in Handarbeit.
Komfort spielt hier keine Rolle
Die Hütten sind auf das Nötigste reduziert. Komfort, wie wir ihn verstehen, gibt es dort nicht. Geschlafen wird auf dünnen Tierhäuten, gekocht mit einfachsten Mitteln, Wasser muss oft von weit entfernten Brunnen geholt werden.
Vieles relativiert sich hier sehr schnell.
Was für uns selbstverständlich ist – fließendes Wasser, ein Badezimmer, ein Bett, Strom – ist hier keine Grundausstattung, sondern Luxus. Diese Erfahrung verändert den Blick. Nicht theoretisch, sondern unmittelbar.
Kindheit zwischen Verantwortung und Alltag
Obwohl in Uganda Schulpflicht bis zum Alter von 15 Jahren besteht, gehen viele Kinder entweder gar nicht in die Schule oder brechen nach ein, zwei Klassen ab. Das Holen von Wasser aus teilweise mehrere Kilometer entfernten Brunnen, die Arbeit auf dem Feld oder das Hüten von Viehherden gehört zu den täglichen Aufgaben der Kinder. Von der Versorgung der jüngeren Geschwister ganz zu schweigen.
Und trotzdem ist da diese ungeheure Lebendigkeit. Eine Schar Kinder begleitete mich auf Schritt und Tritt. Ich kann bis heute nicht sagen, wer neugieriger war – sie auf mich oder ich auf sie.
Sonntage, Tanz und jugendliche Rituale
Die Jugend trifft sich sonntags am Versammlungsplatz. So wie auf der ganzen Welt sind die Singles entsprechend herausgeputzt. Die Jugendlichen bilden einen großen Kreis, es wird gesungen, getanzt und dabei hoch in die Luft gesprungen. Wer besonders hoch springen kann, gilt bei den Mädchen als attraktiv und wird entsprechend bewundert.
Die Mädchen tanzen wiederum wortwörtlich aus der Reihe und werden von interessierten Jungen „gefangen“.
Das Spektakel wird von der Menge neugierig beobachtet und amüsiert beklatscht. Uganda ist das jüngste Land der Welt: Mehr als die Hälfte der Gesamtbevölkerung ist unter 15 Jahre alt.
Der Markt bei Moroto – mit Umhang fast adoptiert
Jeden Montag findet in der Nähe von Moroto ein Markt statt. Dort verdichtet sich das Leben der Region auf engem Raum: Viehhandel, Getreide, Kleidung, Werkstätten, Begegnungen.
Mit meinem „westlichen“ Outfit war ich nicht nur zur „Sehenswürdigkeit“ auf dem ansonsten nur von Einheimischen frequentierten Markt, sondern wurde auch zuweilen skeptisch beäugt. Sobald ich allerdings einen Karamojong-Umhang (8$) erstanden und auch überworfen hatte (mein Fotorucksack passte auch darunter), wurde ich fast adoptiert.
Fast niemand spricht hier Englisch, mit einem „Ejoka!?“ (Hallo, wie geht’s?) und/oder „Ejok-noooi“ (Hallo, gut und dir?) erntet man strahlende Gesichter und offene Herzen.
In Begleitung meines neuen besten Freundes Julius (der Englisch konnte und praktischerweise ein weißes Shirt trug) konnte ich einen Vormittag lang in die Welt der Karamojong eintauchen und das bunte Marktleben beobachten.
Meine neuen Freunde beantworteten, zuweilen mit einem verwunderten Lächeln, alle meine Fragen und und dachten sich dabei wahrscheinlich: Wie kann jemand so ahnungslos sein, dass man die einfachsten Sachen nicht weiß?
Farben, Schmuck und Status
Die Karamojong haben eine starke visuelle Kultur. Die Männer tragen farbige Umhänge und kleine Hüte, die je nach Status und Möglichkeiten aus Wolle oder menschlichem Haar gefertigt werden. Auch militärisch anmutende Kleidung wird gerne genommen, schließlich waren die Karamojong über Jahrhunderte ein kämpferisches Volk. Federn am Hut geben Auskunft über Status oder Stand, eine weiße Feder am Hut symbolisiert: Ich bin noch Single!
Manche haben einen kleinen Holzhocker in der Hand und tragen ihn wie eine Handtasche – wenn sie nicht gerade einen Plausch halten.
Die Frauen haben knielange bunte Faltenröcke oder Tierhäute um die Hüfte gebunden, die bei jedem Schritt dekorativ wippen, dazu jede Menge Schmuck. Bunte Ketten schmücken Hals und Arme und verraten einiges über den gesellschaftlichen Stand.
Hinzu kommen ornamentale Narbentätowierungen, die den Körper schmücken und Zugehörigkeit oder Status markieren.
In weiten Teilen des Landes wird Sorghumhirse angebaut. Das Getreide wird hauptsächlich zur Produktion von Mehl verwendet, aber nicht nur das. Aus dem Korn brauen die Frauen das Sorghum-Bier, das sie am Markt verkaufen und aus großen Kübeln direkt in die mitgebrachten Gefäße füllen.
Für mich als Fotografin war das natürlich unglaublich eindrucksvoll. Doch gerade hier war Respekt besonders wichtig. Nicht alles, was faszinierend aussieht, ist einfach nur „fotogen“. Vieles hat Bedeutung.
Viehhandel, Ziegel aus Lehm und Fahrräder ohne Bremsen
Auf dem schier endlosen Platz werden hauptsächlich Rinder, Ziegen und Getreide gehandelt. Wie wir bereits wissen, hat das Vieh eine zentrale Bedeutung, der Handel ist also kein Spaß. Ernst dreinblickende Männer verhandeln die Preise, kleinere Jungs kümmern sich um die Tiere. Ist der Handel abgeschlossen, werden die Tiere sofort verladen und weggebracht.
Und manchmal trifft man zwischen all dem sogar auf völlig unerwartete Gesprächsthemen. Dass sich einige junge Männer dort erstaunlich gut mit dem FC Bayern auskannten, hätte ich nicht unbedingt erwartet.
Gleich nebenan werden Ziegel aus Lehmerde geformt und erstmal in weiten Reihen zum Trocknen ausgelegt. Aus den getrockneten Rohlingen werden Brennöfen gebaut und mehrere Tage gebrannt. Frauen sind mit dem Tragen beauftragt, den Brennvorgang übernehmen die Männer.
Ein Stück weiter werden Fahrräder repariert bzw. gehandelt. Die erste wichtige Maßnahme ist das Entfernen von Bremsen. Bremsen sind völlig unnötig: Sie gehen öfter kaputt, außerdem kann man prima mit dem Fuß bremsen.
Das Bremsen klappt am besten mit den aus Autoreifen geschnitzten Sandalen. Die kann man gleich nebenan kaufen.
Zwischen Tradition und Veränderung – nicht immer optimal
So lebendig und stark diese Kultur ist, so sichtbar sind auch die Veränderungen. Auf Märkten werden oft gebrauchte Kleider aus Europa verkauft. Was als Hilfe gedacht ist, hat schwerwiegende Folgen: Lokale Schneider verlieren ihre Arbeit, traditionelle Kleidung verschwindet, kulturelle Ausdrucksformen geraten unter Druck.
Gerade in Regionen wie Karamoja wird deutlich, dass Entwicklung, Handel und Hilfe nie nur in eine Richtung wirken. Sie verändern immer auch das, was vorher da war.

Was mir von den Karamojong geblieben ist
Von dieser Reise ist mir weit mehr geblieben als eine fotografische Erinnerung.
Ich erinnere mich an Gesichter, an Stimmen, an Kinderhände, an Staub, an Farben, an ernste Viehhändler und an die Leichtigkeit eines Moments, wenn man irgendwo auf der Welt plötzlich nicht mehr ganz fremd ist.
Die Begegnung mit den Karamojong war für mich einer der eindrucksvollsten Teile meiner Uganda-Reisen für den Bildband Perle Afrikas. Sie hat mir einmal mehr gezeigt, dass Fotografie dann besonders stark wird, wenn sie nicht nur Oberfläche festhält, sondern Begegnung ermöglicht.

Manche Begegnungen bleiben – weit über das Fotografische hinaus.
Perle Afrikas und das Mondberge-Projekt
Die Reise entstand im Rahmen der Arbeit am Bildband „Perle Afrikas“. Mit dem Buch unterstützen wir das Mondberge-Projekt.
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